Mit Rad & Racket: Die Kraft der Wiener Visionen
Von Berlin nach Istanbul per Rad, dann mit dem Segelboot weiter nach Mallorca – und dabei immer wieder auf dem Tennisplatz stehen. Für Benjamin Simon ist das die Reise seines Lebens. In Wien erlebte er den bisherigen Höhepunkt seiner Tour.
Nach sieben Tagen im Sattel fällt mir die Entscheidung nicht leicht, aber sie ist notwendig. Eine beginnende Erkältung, wechselhaftes Wetter und müde Beine bringen mich dazu, die Etappe von Prag nach Wien mit dem Reisebus zurückzulegen. Keine leichte Entscheidung – ich wollte die Strecke ursprünglich komplett aus eigener Kraft bewältigen – aber Gesundheit geht vor.
In Wien angekommen, lasse ich mich durch die Straßen der Altstadt treiben, genieße das Flair zwischen Stephansdom, Hofburg und den Ringstraßenbauten. Ich tauche ein in die Kaffeehauskultur, besuche Museen und gönne mir eine erste richtige Pause seit dem Start. Ein schöner Zufall: Meine Schwester ist zur gleichen Zeit mit Freundinnen in Wien. Gemeinsam verbringen wir einen langen Nachmittag im Café – ein Stück Zuhause mitten auf der Reise.
Der TC Colony: mehr als ein Tennisclub in Wien
Parallel entdecke ich den TC Colony im Westen Wiens. Am Nachmittag meiner Ankunft empfängt mich Johannes Graski, der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft, mit einer Herzlichkeit, die sofort hängen bleibt. Johannes sorgt nicht nur für einen ersten Rundgang, sondern kümmert sich auch persönlich um meine Übernachtung – eine Selbstverständlichkeit für ihn, für mich ein riesiges Geschenk.
Zu Besuch beim TC Colony in Wien: Johannes Graski, Autor Benjamin Simon und Christian Barkmann (Präsident Wiener Tennisverband).
Die Anlage wirkt von Beginn an besonders. Nicht nur top gepflegte Tennisplätze, eine moderne Tennishalle und ein gemütliches Clubhaus, sondern vor allem ein spürbarer Geist von Gemeinschaft. Familien, Kinder, ambitionierte Spieler, aber auch Freunde und Bekannte nutzen den Club nicht nur zum Sport, sondern auch als Treffpunkt.
Ein junger Verein mit starker Entwicklung
Der TC Colony wurde in den 1980er-Jahren auf dem Gelände der alten Pfarrwiese gegründet – dort, wo früher der Fußballclub SK Rapid Wien Geschichte schrieb. Was einst eine einfache Holzhütte mit wenigen Plätzen war, entwickelte sich mit der Zeit, besonders ab 2008, zu einer der größten und modernsten Tennisanlagen Wiens.
Johannes Graski prägte diese Entwicklung maßgeblich. Als sportlicher Leiter und später als geschäftsführender Gesellschafter der Betreibergesellschaft brachte er nicht nur neue Trainingsstrukturen, sondern auch frische Ideen ein. Früh setzte er auf den Bau von drei Padelplätzen, opferte dafür sogar den Centercourt, und etablierte den Club damit frühzeitig im aufkommenden Trendsport. Ebenso innovativ: Die Ausstattung aller Plätze mit einer Videoübertragungsanlage, die weltweite Liveübertragungen von Matches ermöglicht.
Der Club wuchs rasant, zählt heute über 1.300 Mitglieder, davon mehr als 300 Kinder, und entwickelte sich vom reinen Sportverein zu einem echten Socializing Point, in dem Sport, Freizeit und Begegnung gleichermaßen Platz haben.
Matchtime in Wien mit Wenzel Graski, Johannes Graski, Benjamin Simon, Georg Wawer (Win2Day und EqualPlayDay), Wolfgang Schranz (ehemaliger österreichischer Davis Cup-Spieler).
Trainingsmatch mit einem österreichischen Top-Spieler
Besonders genieße ich eine Trainingseinheit mit Wenzel Graski, dem 21-jährigen Sohn von Johannes. Wenzel war in den Top 20 der österreichischen Herren und ist heute Trainer im Club. In der Stunde auf den Hallenplätzen spüre ich, wie sehr Leidenschaft und Herzlichkeit in dieser Familie, aber auch in diesem Club, verankert sind.
Was mich beeindruckt, ist das Zusammenspiel zwischen privat geführter Betreibergesellschaft und Verein. Was in Deutschland im Tennis nahezu unbekannt ist und höchstens aus dem Golfsport vertraut klingt, funktioniert hier hervorragend.
Vielleicht, denke ich, liegt darin ein Zukunftsmodell: professionelle Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Sicherheit und gleichzeitig lebendige Vereinsstrukturen. Nicht selten klagen Tennisvereine über schwindende Mitgliederzahlen – der TC Colony zeigt, dass es auch anders geht.
Rapid Wien: ein runder Abschluss
Am letzten Abend gönne ich mir dann noch einen besonderen Moment: Ein Heimspiel von Rapid Wien gegen Red Bull Salzburg im Allianz Stadion. Rapid verliert mit 0:2, doch das beeindruckt hier niemanden. Die Fans feiern, singen, feuern ihr Team an – der Stolz von Hütteldorf ist spürbar.
Wiener Abschluss: Fußballspiel von Rapid Wien.Bild: Simon
Und dann geschieht das vielleicht Unerwartete: Der Heimweg vom Stadion und auch der folgende letzte Tag in Wien bleiben regenfrei. Ich spaziere selig vom Stadion zurück zur Anlage. Kein Gedanke mehr an Busetappen oder Regenschauer, sondern einfach das Gefühl, dass ich in diesen Tagen das volle Wien-Paket bekommen habe: Sport, Kunst, Geschichte, Kultur – und vor allem Begegnungen mit Menschen, die mit Leidenschaft tun, was sie lieben.
Wien war kein Zwischenstopp. Es war ein echter Reisehöhepunkt.