Dominic Thiem

Neuer Lebensabschnitt: Dominic Thiem spielte 2024 seine letzte Saison auf der ATP-Tour. Eine hartnäckige Hand- gelenksverletzung verhinderte eine längere Karriere.Bild: Manfred Baumann

Dominic Thiem: „Mir geht es um Leidenschaft”

Im Interview mit tennis MAGAZIN erklärt Dominic Thiem, warum er seine Karriere beendet hat und warum er jetzt zwei neue Projekte mit der gleichen Intensität verfolgt.

Herr Thiem, Ihre Abschiedstour mit dem letzten Auftritt in der Wiener Stadthalle war sehr emotional. Wie bewerten Sie Ihr Karriereende mit dem Abstand von ein paar Monaten?

Ich habe Wien echt genossen. Die schwierige Zeit war letzten März, weil ich da für mich persönlich den Entschluss gefasst hatte aufzuhören. Natürlich ist damals schon der ganze Druck, der ganze Stress abgefallen, weil ich für mich gewusst habe, dass es die letzte Saison wird. Ich muss auch ehrlich sagen, ich habe nicht mehr das ganz hohe Level gehabt. Es war klar, dass ich bei einem Grand Slam oder einem anderen großen Turnier nicht mehr weit gekommen wäre. Ich habe versucht, die Turniere noch mal zu genießen, wie Paris oder die US Open und dann natürlich Wien. Aber Wien war einfach schön, weil viele Leute gekommen sind, die ich ewig nicht mehr gesehen habe, auch viele Legenden vom Tennis oder anderen Sportarten. Dann war ich aber auch froh, dass es vorbei war. Es war eine intensive Abschiedstournee mit vielen Ehrungen, bei denen jedes Mal die ganzen Erinnerungen und Emotionen hochkamen.

Haben Sie damals den Entschluss aufzuhören alleine gefasst?

Ich habe es im engsten Kreis beschlossen. Zuerst einmal war es für mich persönlich klar und dann habe ich es im engsten Kreis beschlossen. Nach ein paar Wochen habe ich meinem Team Bescheid gesagt. Dann hat es noch zwei Monate gedauert, bis ich an die Öffentlichkeit gegangen bin.

Sie hatten eine Handgelenksverletzung, als Sie die Nummer drei der Welt waren. Anschließend konnten Sie nie wieder an Ihre alte Form anknüpfen. Wie schwer war es, mental damit umzugehen?

Es war schwer. Es gab extrem viele Phasen. Phasen, in denen es bergauf ging, dann Phasen, wo sich das Ganze einfach miserabel angefühlt hat, dann wieder Phasen, in denen ich gut gespielt und richtig starke Leute geschlagen habe. Danach kamen wieder Rückschläge. Es hat sich wie ein roter Faden durch die späte Phase meiner Karriere gezogen: Das letzte Feingefühl für den richtigen Treffpunkt hat gefehlt. Ich weiß nicht, ob das mechanisch, ob das im Kopf oder ob das eine Nervensache im Hand­gelenk war. 

Dominic Thiem

Thiems Sternstunde: Bei den US Open 2020 gewann der Österreicher vor leerer Kulisse im Finale gegen Alexander Zverev seinen einzigen Grand Slam-Titel.Bild: Imago/Danielle Parhizka

Sie haben sich nicht operieren lassen. Warum nicht?

Ich habe mit vielen Ärzten geredet. Am meisten mit Doktor Verstreken, der viele Spieler mit der gleichen Verletzung in Behandlung hatte: Nishikori, Clijsters, Bencic. Ihm habe ich komplett vertraut und ich glaube noch immer, dass es die richtige Entscheidung war, mich nicht operieren zu lassen. Es wäre ein größerer Eingriff gewesen. 

Andre Agassis Karriere hing bei einer ähnlichen Verletzung am seidenen Faden. Er ließ sich operieren und gewann anschließend noch viele Grand Slam-Turniere.

Ja, es gibt Spieler, bei denen eine Operation funktioniert und es gibt Spieler, bei denen es nicht funktioniert hat. Ich glaube, dass es so für mich okay war. Es hat einfach dieser letzte Prozentpunkt in meinem Spiel gefehlt, speziell mit meiner Vorhand, die nicht mehr so zuschnappen konnte. Das Ganze war extrem nervenaufreibend, aber jetzt habe ich damit meinen Frieden geschlossen.

Behindert Sie die Verletzung im Alltag?

Im Alltag nicht, aber nach Wien hatte ich vielleicht fünfmal Tennis gespielt mit den jüngeren Spielern von unserer Akademie. Für zwei Tage hintereinander ist es echt okay, aber dann tut alles richtig weh, vor allem die Hand. Der Arm wird auch richtig steif. Da habe ich gemerkt, wie wichtig die physiotherapeutische Arbeit war. Also jeden Tag behandeln lassen, das Handgelenk jeden Tag geschmeidig halten. Ich habe erst später gemerkt, wie wichtig das war. Jetzt, wo ich das nicht mehr jeden Tag mache, merke ich, wie steif das Handgelenk wird. Ansonsten habe ich keine Probleme.

Das klingt aber so, als dürfte es Ihnen dann sogar schwer fallen, Fleisch zu schneiden.

Nein, das geht. Ich schneide mit der linken Hand, dann ist das egal. 

Es überraschte, dass Sie nach Ihrem Karriereende einen Showkampf in Frankreich spielten. Können Sie nicht loslassen vom Tennis?

Ich habe nie vorgehabt, ganz vom Tennis wegzukommen. Man fragte mich, ob ich spielen will. Es war einmal vor 4.000 und einmal vor 2.000 Zuschauern gegen einen Junioren-Spieler, dann gegen Gasquet und Monfils. Ich wäre dumm, wenn ich vor so vielen begeisterten Leuten Nein zu einem Showkampf sagen würde. Es waren zwei Orte in Frankreich, an denen ich noch nie war. Ich reise sehr gern. 

Dominic Thiem

Wohlfühloase: Auf Sand spielte Dominic Thiem am liebsten. Zehn ATP-Titel gewann er auf der roten Asche.Bild: Imago/DeFodi

Sie planen, eine neue Akademie zu gründen. Fallen solche Auftritte unter Promotion für Ihr Business?

Nein, weil es aus reinem Spaß war. Dazu konnte ich helfen. Das eine Event hat ein Tennisverein organisiert, bei denen die Einnahmen Kindern und dem Tennisverein zugutekamen. Das hatte mit Promotion nichts zu tun. Dafür ist mein Abschied auch zu kurz her. 

Nicht nur Sie, auch Nadal und Murray haben im letzten Jahr aufgehört. Was passiert im Kopf eines Weltklassespielers nach dem Karriereende?

Ich glaube, es gibt wenige Berufe, die getakteter sind als die Tennis-Tour. Es ist der Wahnsinn, jedes Jahr von Januar bis November voll durch und dann ab Anfang Dezember die Vorbereitung. Dazwischen sind zwei Wochen frei, die du auch komplett brauchst. Da ist alles durchstrukturiert. Dass das nicht mehr so ist – damit muss man umgehen können. 

Wie gehen Sie damit um? Haben Sie mit Nadal oder Murray gesprochen?

Nein. Ich habe mit Leuten aus anderen Sportarten darüber geredet. Mir hat jeder gesagt: Mach’ Termine aus, mach Dinge, die dich interessieren, probier neue Sachen aus. So viel wie möglich und speziell in der ersten Zeit nach dem Karriereende. Das habe ich auch getan. Ich war von Oktober bis Weihnachten unglaublich beschäftigt, teilweise den ganzen Tag. Das hat mir extrem geholfen. Ich glaube, wenn du deine Karriere beendest und drei, vier Monate nichts machst, fällst du in ein Loch. 

Sie sind nicht zum Nachdenken gekommen.

Nein, überhaupt nicht. 

Was haben Sie in der Zeit gemacht?

Ich habe meine neue Firma „Thiem Energy“ promotet. Es geht um Solarenergie. Ich habe viel geredet und geplant. Ich habe versucht, bei den Leuten, die ich getroffen habe, ein Bewusstsein zu wecken: Worum geht es überhaupt? Was sind die Vorteile? Ich habe ein bisschen Tennis gespielt, viel Fußball, weil das mir extrem viel Spaß macht. Das ist eine top körperliche Aktivität. Ich habe ein paar Vorträge gehalten. Ich war echt beschäftigt. 

Sie haben die Taktung als Profi angesprochen. Wachen Sie etwa während der Australian Open auf und denken: Mir fehlt etwas?

Nein, gar nicht. Mein Bruder war mit einem Spieler aus der Akademie in Australien, der bei den Junioren mitgespielt hat. Ich war froh, dass ich nicht in Australien war. Ich glaube, dass das ein gutes Zeichen ist. Ich glaube, wenn du aufgehört hast und dann denkst, wie gerne du jetzt nach Australien geflogen wärest, wäre es sicher die falsche Entscheidung. Da bin ich sogar froh, dass ich in Europa bin und mal einen kalten Dezember und Januar erlebt habe.

Wie sieht es mit Skifahren aus?

Habe ich gemacht. Ich war das erste Mal bei der Orange Bowl mit zwölf und seitdem war ich nie mehr im Dezember und im Januar zuhause. Das ist eh Wahnsinn. Deswegen bin ich froh, dass ich das Leben mal aus einer anderen Perspektive sehen kann.

Genießen Sie Ihr Privatleben oder vermissen Sie die Öffentlichkeit?

Ich bin froh, wenn es ein bisschen privater ist. Wenn ich normalere Sachen wie einen Ski-Urlaub machen kann.

Sind Sie ein Familienmensch?

Ja, auf jeden Fall. Alle gemeinsam zu sehen, hat in den letzten Jahren nie geklappt. Es war sehr schön, dass ich ein klassisches Weihnachten mit Geschenken verbringen konnte. Das habe ich als Kind genossen und das war als Tennisprofi nie möglich.

Eine Profikarriere ist limitiert. Ob Federer, Nadal, Murray oder Sie – in der Regel streikt am Ende der Körper. Ist die Tour zu hart?

Das war immer schon so. Ich glaube irgendwann wird jedem bewusst, dass Leistungssport nicht die gesündeste Form von Sport ist. Jede Form von Leistungssport, egal welche Sportart, ist irgendwann ein extremer Körperverschleiß. Das wird einem auch irgendwann bewusst, aber die ganze Leidenschaft überdeckt alles. 

Ist die Saison zu lang?

Ja, das ist im Tennis so. Es wäre angenehmer, wenn die Saison kürzer wäre. Man muss das nur mit anderen Sportarten vergleichen. Es gibt keine Sportart, die so einen strammen Terminkalender hat wie Tennis. Die ganzen Reisestrapazen, Jetlag, nur im Hotel schlafen, nie zu Hause zu sein – das sind ja alles Belastungen, die noch dazukommen. Wenn es ein bisschen mehr Freizeit geben würde, wenn die Saison ein bisschen kürzer wäre, dann wäre das auf jeden Fall sinnvoll. Ich finde der Sport selbst ist mit dem Best-of-Five-Format bei Grand Slams sehr geil. Da sollte man nichts ändern. Aber eine kürzere Saison würde jedem guttun.

Dominic Thiem

Familienbande: Dominic Thiem beim ATP-Turnier in Kitzbühel 2024: mit Oma, Tante, Oma, Freundin Lili, Vater Wolfgang, Bruder Moritz und Mutter Karin (v.l.n.r.).Bild: Imago/Eibner Europa

Sie sind mit 31 Jahren Tennis-Rentner. Im Vergleich ist das früh. Ist es trotzdem eine runde Sache für Sie?

Ja, auf jeden Fall. Auf dem Papier steht, dass ich eine Karriere von 2011 bis 2024 hatte, aber das stimmt ja nicht. Die Karriere beginnt mit elf, zwölf Jahren. Dann beginnst du, dein ganzes Leben nach dem Sport auszurichten. Bevor du überhaupt anfängst, Profi zu sein, sind schon acht, neun Jahre vergangen, die sehr zehrend sind. Du musst jeden Tag deine ganze Energie reinhauen, stundenlang trainieren. Das gehört für mich genauso zur Karriere wie die Jahre, in denen du bekannt bist und auf der echten Tour spielst. Deshalb habe ich mit 31 wahrscheinlich 20 Jahre gehabt und mehr erreicht, als ich jemals erwartet habe. Von daher ist es für mich eine sehr runde Geschichte.

Vor Ihrer Handgelenkverletzung prognostizierten die Experten, dass Sie und Alexander Zverev um Grand Slams und die Nummer eins kämpfen werden. Was trauen Sie Zverev zu?

Ich hoffe, dass Sascha einen Grand Slam gewinnt. Ich finde seine Karriere ist viel zu gut ohne Grand Slam. Aber auch, wenn er es nicht schaffen sollte, ist sie absolut sensationell. Wenn er einen Grand Slam gewinnt, wird er ziemlich automatisch die Nummer eins, weil er so konstant und so gut spielt. Jeder hat gesagt, wenn die Big-Three oder die Big-Four weg sind, wird es einfacher werden, weil niemand nachkommt. Jetzt haben wir Sinner und Alcaraz. Sind sie nicht verletzt oder aus anderen Gründen nicht am Start, musst du meistens einen oder sogar beide besiegen und das ist verdammt schwer. Ich glaube, Sinner und Alcaraz sind heute wahrscheinlich genauso schwer zu besiegen wie damals Federer oder Djokovic. Zudem gibt es noch einige andere richtig gute Spieler wie Taylor Fritz, wenn er wie bei den US Open auf einem richtig hohen Level spielt. Es ist um nichts leichter geworden, einen Grand Slam zu gewinnen im Vergleich zu vor fünf oder zehn Jahren. 

Haben Sie Kontakt zu Zverev?

Ein bisschen, das war immer so.

Sie waren der Angstgegner der Big-Four Federer, Nadal, Djokovic und Murray. Haben Sie zu ihnen Kontakt?

Es gibt ganz wenig Kontakt. Aber sie haben mir ein nettes Video zum Abschied geschickt. Ich habe viel mehr mit den deutschen Spielern zu tun, mit Matthias Bachinger und Peter Gojowczyk. Mit Struffi bin ich viel in Kontakt, auch mit Daniel Altmaier. Mit ihnen habe ich auf der Tour am meisten unternommen. Da verbindet auch die Sprache. Bei der Exhibition in Frankreich fiel mir auf, dass Gasquet und Monfils richtig nett waren. Es war immer ein nettes Verhältnis. Aber jetzt, wo ich aufgehört habe und kein Konkurrent mehr bin, sind sie nochmal um einiges entspannter. 

Wir sprachen von Ihrer Akademie und der Solarfirma. Was denken Sie über dieses neue Kapitel?

Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, dass ich meine Leidenschaft ausüben kann. Dass ich Tennis spielen kann. Genau das beobachte ich jetzt in der Akademie bei den jungen Spielern. Sie bringen ihre ganze Energie auf, um den Traum zu verwirklichen, Tennisprofis zu werden. Dabei möchte ich helfen. „Thiem Energy“ und erneuerbare Energien sind mir deshalb so wichtig, weil die Gefahr da ist, wenn alles so weiterläuft wie jetzt, wenn Wetterextreme überhandnehmen, dass es vielleicht schon in naher Zukunft nicht mehr möglich sein wird, das Leben so zu leben, wie es jetzt ist. Deshalb habe ich die Firma gegründet, um einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass dieser große Klimaumschwung ausbleibt und dass die neue Generation ihren Leidenschaften genauso nachgehen kann, wie ich das konnte.

Dominic Thiem

Guter Talk: tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic traf Dominic Thiem beim Internationalen DTB Tenniskongress in München.

Vita Dominic Thiem

Der Österreicher, 31, begann als Sechsjähriger mit Tennis. In seiner Karriere gewann Thiem 17 ATP-Titel, darunter die US Open 2020 (gegen Zverev). Drei weitere Male stand er im Finale eines Grand Slam-Turniers (French Open 2018 und 2019 sowie Australian Open 2020). Beste Platzierung im ATP-Ranking: Rang 3. 2020 wurde er zu Österreichs Sportler des Jahres ausgezeichnet. Er ist seit Januar 2021 mit der Artistin Lili Paul-Roncalli lliert. Vor allem zwei Projekte treiben ihn aktuell um: seine Firma „Thiem Energy“, einer Plattform für erneuerbare Energie, und seine „Thiem Academy“, die im September 2025 eröffnet werden soll.