Billie Jean King Cup: Neustart für Deutschland & Co.
Federation Cup, Fed Cup, aktuell Billie Jean King Cup: Der Turniername ist auch nach knapp fünf Jahren gewöhnungsbedürftig, der Modus unklar. Die Schweizerin Kerstin Lutz, neu als CEO im Amt, will das ändern.
Ein Teams-Call mit London. Am Bildschirm auf der anderen Seite sitzt Kerstin Lutz. Ein befreundeter Coach hat den Kontakt hergestellt. Und so gibt es von Anfang an keine Berührungsängste mit der Frau, die seit zehn Monaten die Geschicke des Billie Jean King Cups lenkt. „Schneit es bei dir?“, fragt sie am Anfang des Gesprächs. In der Tat: Im Hintergrund kann man erkennen, wie Anfang Februar in Hamburg leise Flocken fallen.
Um im Bild zu bleiben – für die 52 Jahre alte Schweizerin ist gerade Frühling. Ein Neubeginn beim traditionellen Damen-Teamwettbewerb steht an. Und Lutz, offizielle Jobbeschreibung CEO, ist angetreten, der Marke BJKC, so das Kürzel, eine Vitamin-Spritze zu verpassen. „Wir wollen Awareness“, sagt sie gleich zu Beginn des Gesprächs, „viele denken, es ist ein neues Turnier. Dass wir eine 62-jährige Tradition mitbringen, ist den meisten nicht klar.“
In der Tat: Man tut sich immer noch schwer mit dem Wettbewerb, der vor knapp fünf Jahren nach der Legende Billie Jean King Cup benannt wurde. Zu Zeiten, als Steffi Graf und Claudia Kohde-Kilsch sensationell beim Finalturnier in Vancouver gegen die USA siegten, hieß es noch Federation Cup, später Fed Cup.
Kerstin Lutz: Neuer CEO im Billie Jean King Cup
Awareness. Man kann das mit Bewusstsein oder Sichtbarkeit übersetzen. Der Begriff verrät auch, wie Lutz sozialisiert ist. In der Region Bern wächst sie auf, geht dann mit einem Stipendium in die USA, um an der Georgia State University Sports Marketing und Management zu studieren.
Fünf Jahre bleibt sie auf der anderen Seite des Großen Teichs. Zurück in Europa landet sie nach einigen Stationen bei der TEAM Marketing AG in Luzern, die sich als Agentur vor allem um die Champions League im Fußball kümmert. 24 Jahre ist sie dort, zuletzt als Managing Director of Business Development. „Ein Traumjob“, sagt sie.
Frisch an der Spitze: Kerstin Lutz, 52, arbeitet mit ihrem Team an einem neuen Konzept für den Billie Jean King Cup.Bild: Billie Jean King Cup
Wahrscheinlich hätte sie ihn noch, wenn nicht ein Headhunter auf sie zugekommen wäre. Gesucht wurde – genau – eine Chefin für den Billie Jean King Cup. Dazu muss man wissen, dass das Firmenkonstrukt im Januar 2024, also zwei Monate bevor die Offerte kam, neu aufgestellt wurde.
Inzwischen liegen 51 Prozent der Anteile bei der ITF, dem Tennis-Weltverband. 49 Prozent gehören TWG Global. Dahinter versteckt sich ein Konsortium, dem unter anderem das Major Baseball League-Team Los Angeles Dodgers und die Frauen-NBA-Basketballmannschaft L.A. Sparks gehört. Das Gesicht hinter TWG ist Mark Walter, 65 Jahre alt, ein milliardenschwerer Investor und Philanthrop. Die neue US-Eishockeyliga hat er voll finanziert. Und – hier schließt sich der Kreis: Walter gilt als Vorreiter einer Bewegung, die Frauensport pusht. Mit Billie Jean King ist er eng befreundet.
Billie Jean King Cup: Geld soll in Tennisentwicklung fließen
An der Stelle kommt Lutz ins Spiel. „Ich habe immer gesagt, wenn es eine interessante Position im Tennis gibt, wäre ich gerne dabei“, sagt sie. Eigentlich ist sie die klassische Quereinsteigerin. Andererseits: „Stallgeruch“ ist da. Als Sechsjährige spielt sie schon Tennis. In den USA tritt sie für ein Collegeteam an. Zwar ist ihr schnell klar, dass es „für eine Profikarriere nicht gereicht“ hätte, aber die Verbindung zum Tennis bricht nie ab. Eine ihrer ersten Stationen in der Arbeitswelt ist die Frankfurter Agentur Birkholz und Jedlicki, die für den legendären Compaq Grand Slam Cup zuständig war.
Was Lutz aber vor allem reizte: die Möglichkeit mit Billie Jean King zusammenzuarbeiten. Sie stehe für Frauenrechte, für women’s leadership. Der Aspekt habe ihr im Fußball gefehlt. Und: „Ein Turnier zu übernehmen, das etwas vernachlässigt wurde und immer im Schatten vom Davis Cup stand, fand ich sehr reizvoll“, sagt Lutz.
Das es jetzt darum geht, das Joint Venture „Billie Jean King Cup Limited“, so der offizielle Name, mit Leben zu füllen, weiß sie selbst. Hilfreich ist der Titelsponsor Gainbridge, eine US-Versicherungsfirma, die den Cashflow garantiert. Allein das Spielerinnen-Preisgeld beträgt knapp zehn Millionen US-Dollar pro Jahr. Es gibt auch einen weiteren Millionen-Topf für die sogenannte „Nation participation contribution“. Er wird nach einem Schlüssel an die teilnehmenden Länder ausgeschüttet. Dieses Geld soll in die Tennisentwicklung des jeweiligen Landes fließen.
Ikone und Namensgeberin: Billie Jean King, 81, gewann zwischen 1966 und 1975 zwölf Grand Slam-Titel im Einzel.Bild: Imago
Ein erster Schritt für „awareness“ ist die neue Website. Das Wort „Cup“ im Logo ist die Original-Handschrift von Billie Jean King. Laut Lutz sind die 81-Jährige und ihre Firma Billie Jean King Enterprises sehr präsent, wenn es darum geht, die Marke nach vorne zu bringen. Es gebe einen „täglichen Austausch“. Billie Jean King wolle „die Jugend ansprechen. Es gehe ihr nicht nur um Tennis, „sondern um ein gesellschaftliches Engagement, dass junge Mädchen durch Tennis für das spätere Leben lernen“.
Kerstin Lutz: „Es gab keinen roten Faden. Wir wollen Ruhe reinbringen”
Das Layout der Website mit dem Kingschen Schriftzug wirkt grell, was beabsichtigt ist. „Es soll nicht quiet please sein, sondern wir wollen louder please“, sagt Lutz. Folgt man ihrer Logik, ist das Alleinstellungsmerkmal des Billie Jean King Cups, dass er bei den Fans besondere Gefühle weckt. „Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass unser Fan nicht nur gutes Tennis sehen will. Er will sein Land unterstützen. Er identifiziert sich. Das ist ein tiefes Gefühl“, sagt Lutz. Aber sie weiß auch: „Es gab keinen roten Faden und wir brauchen Konstanz, um in den nächsten drei bis fünf Jahren ein kommerziell interessantes Produkt an den Mann zu bringen.” Auf die Frage, ob der Billie Jean King Cup in den Köpfen der globalen Tennis-Community schon angekommen ist, antwortet sie ehrlich: „Noch nicht wirklich.“
Fakt ist: Den Modus des Billie Jean King Cups verstehen selbst Fachleute nicht. Gibt es pro Partie vier Einzel und ein Doppel oder nur zwei Einzel und ein Doppel? Wie qualifiziert man sich für das Jahresendturnier und wie viele Nationen sind am Start? Wann wird im K.o.-System gespielt und wann zählt die Gruppenwertung? Eine Änderung greift schon im nächsten Jahr. Die Gruppenphase bei den sogenannten Qualifiers verschwindet und es gibt wieder Heim- und Auswärtsspiele.
Einen neuen Austragungsort für die „Finals“ gibt es bereits in diesem Jahr – das chinesische Shenzhen, wo die Top 8-Nationen aufeinandertreffen. Über drei Jahre läuft der Vertrag mit der 18-Millionen-Einwohner-Metropole. Neu ist auch ein Dreijahreszyklus mit TV-Rechten für die jeweiligen Märkte, der dem Billie Jean King Cup 35 Prozent mehr Einnahmen fürs Fernsehen garantiert. Für die DACH-Region überträgt Tennis Channel.
Billie Jean King Cup: Finalturnier in Shenzhen
Einen Termin für Shenzhen gibt es noch nicht. Optimal sei der der Zeitpunkt nach den WTA-Finals, wie in den letzten Jahren, nicht, sagt Lutz. Der Ort passt für sie perfekt: „Ein Fünftel der globalen Tennispopulation befindet sich in China. Shenzhen ist eine junge, moderne, sportliche Stadt.“ Während man in Malaga noch in einem Zelt spielte, wird das Finale künftig in einer neuen Halle für 8.000 bis 10.000 Zuschauer ausgetragen.
Mit dem Skandal um Peng Shuai, der chinesischen Topspielerin, die von einem führenden Politiker Chinas sexuell missbraucht worden sein soll mit der Folge, dass die WTA knapp zwei Jahre keine Turniere in China spielte, geht man transparent um: „Wenn es nicht Signale von Peng Shuai selbst in direkten Gesprächen mit WTA und ITF gegeben hätte, dass alles bestens sei, hätte sich gerade die Menschenrechtlerin Billie Jean King gut überlegt, diesen Schritt zu machen“, sagt Lutz.
Wovon sie träumt: „Davis Cup und Billie Jean King Cup auf Augenhöhe an einem Ort zu spielen und Nations Team Tennis zu feiern. Davon sind wir noch ein paar Jahre entfernt.“ Feststeht: Auf die Frau an der Spitze des BJKC kommt jede Menge Arbeit zu.
Infos Billie Jean King Cup
Deutschland trifft am 10. und 11. April 2025 in Den Haag in einer Dreiergruppe auf die Niederlande und Großbritannien (je 2 Einzel, 1 Doppel). Sollte sich das Team von Rainer Schüttler nicht für das Finale in Shenzhen (8 Teams; Gastgeber China und der amtierende Champion Italien sind gesetzt) qualifizieren, ginge es in die Relegation (7 Gruppen mit je 3 Teams). Beide Termine stehen stehen noch nicht fest. Das Finale findet in Shenzhen bis 2027 statt. 2026 gibt es zum Auftakt keinen Gruppenmodus mehr, sondern wieder Heim- und Auswärtsspiele. Das Finalturnier mit acht Nationen im K.o.-System bleibt bestehen. Mehr Infos unter: www.billiejeankingcup.com