Henry Bernet

Eleganter Einhänder: Der Schweizer Henry Bernet gewinnt die Australian Open bei den Junioren. ©Imago/Jürgen Hasenkopf

Henry Bernet gewinnt Australian Open – Auf Federers Spuren

An seinem 18. Geburtstag siegt der Schweizer Henry Bernet in der Juniorenkonkurrenz bei den Australian Open. Die Parallelen zu seinem Vorbild sind verblüffend.

Text: Simon Graf

Es ist das Los der Schweizer Tennistalente in der Ära nach Roger Federer, dass bei ihnen unweigerlich nach Spuren des 20-fachen Grand Slam-Champions gesucht wird. Bei Henry Bernet sind die Gemeinsamkeiten mit seinem Idol nicht zu übersehen: Er ist auch beim TC Old Boys Basel groß geworden, spielt die Rückhand ebenfalls einhändig, pflegt ein angriffiges Spiel und scheut Vorstöße ans Netz nicht, und er macht einen aufgeweckten und äußerst höflichen Eindruck. Als sei dies nicht genug, heißt sein Vater auch noch Robert.

Henry Bernet über Federer: „Ich kann den Vergleich nicht so richtig ernst nehmen”

Bernet muss schmunzeln, wenn er auf Federer angesprochen wird. Die Frage hört er immer wieder. Davon unter Druck setzen lässt er sich aber nicht. „Klar, es gibt gewisse Parallelen“, sagt der 18-Jährige. „Aber ich kann den Vergleich nicht so richtig ernst nehmen. Einen Federer gibt es nur einmal. Für mich wird er immer der Größte sein. Es kann gefährlich sein, mit dem Besten verglichen zu werden. Aber ich nehme es als Ansporn.“

An einem Wilson-Event am Rande des US Open 2024 traf er sein Idol erstmals. Sie plauderten 20 Minuten lang, und er war erstaunt, wie gut der Maestro schon über ihn Bescheid wusste. Wahrscheinlich hatte Marco Chiudinelli, der Bernet vom TC Old Boys als Captain seines Interclub-Teams gut kennt, seinem Jugendfreund ein paar Dinge über die nächste große Schweizer Tennishoffnung erzählt.

Für Federer waren diese Infos nicht nur von privatem, sondern auch von beruflichem Interesse – als Miteigentümer und Produktentwickler bei On. Denn der weltweit tätige und stetig expandierende Sportartikelhersteller mit Hauptsitz Zürich nahm Bernet zu Beginn von 2025 als ersten Schweizer Tennisspieler unter Vertrag, für vorerst fünf Jahre.

Familiäre Atmosphäre bei On

Die Nationalität Bernets sei ein schöner Bonus gewesen, sagt Feliciano Robayna, der Tennischef von On. Aber entscheidend für das Engagement seien dessen Charakter und gute Perspektiven. On hatte bisher ein gutes Händchen bei seinen Verpflichtungen im Tennis. Ben Shelton ist innert Kürze einer der Shootingstars im Männerzirkus geworden und punktet auch als charismatische Persönlichkeit. Flavio Cobolli und João Fonseca zählen zu den vielversprechendsten Jungen. Die Qualitäten von Iga Swiatek sind hinlänglich bekannt. Das Tennis-Portfolio von On ist klein, aber fein. Das gefiel auch Bernet.

„Bei On ist es sehr familiär“, sagt er. „Ich spüre, dass sie daran glauben, dass ich eine erfolgreiche Karriere mit ihnen haben kann. Sie wählen ihre Spieler sehr selektiv aus. Nicht wie Nike oder Adidas, die viele Spielerinnen und Spieler unter Vertrag nehmen und dann schauen, wer erfolgreich wird, und die anderen wieder aussortieren.“

Henry Bernet

Neuer Deal: Henry Bernet ist der erste Schweizer Tennisprofi, der mit On ausgestattet wird. ©On

Robayna stach der junge Basler vergangenes Jahr an den Juniorenturnieren in Paris und Wimbledon ins Auge. Er sagt: „Ich bin überzeugt, dass er das Potenzial für die Top 50 hat. Und wenn er das schaffen sollte, ist alles möglich.“ Bernets Anlagen sind in der Tat vielversprechend. Er ist in den letzten Jahren noch weiter in die Höhe geschossen und hat sich auch tennismäßig enorm entwickelt. 1,91 Meter groß, schlägt er regelmäßig mit über 200 km/h auf. Als Spätzünder und groß gewachsener Athlet mit einer ambitionierten Spielweise hat er noch viel Raum zur Steigerung. Auch punkto Athletik. Sein Potenzial ist noch längst nicht ausgereizt.

Henry Bernet: einhändig statt beidhändig

Bernets auffälligster Schlag ist seine elegante einhändige Rückhand, die auf der Profitour inzwischen vom Aussterben bedroht ist. Er spielt die Rückhand übrigens nicht wegen Federer einhändig, sondern, weil er sich bei der doppelhändigen mit der linken Hand nie recht wohl fühlte. Als er elf war, riet ihm sein damaliger Trainer Yannick Thomet, er sollte es doch einmal einhändig versuchen – und das klappte auf Anhieb gut. Also blieb er dabei. Der Schlag habe sich gut entwickelt und sei inzwischen eine seiner Stärken, sagt Bernet.

Henry Bernet

Die Vorhand gehört zu den großen Stärken von Henry Bernet. ©Imago/Paul Zimmer

Es hat sich in jüngerer Zeit viel getan in seinem Leben. Am Juniorenturnier des French Open 2024, wo er sich als Qualifikant bis in den Viertelfinal spielte, wurde er erstmals einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Ausrüster kamen auf seinen Vater Robert und Coach Kai Stentenbach zu und bekundeten Interesse, und da wurde den Bernets klar, dass sie eine Managementagentur suchen mussten. Vater Robert, ein renommierter Anwalt, wollte diesen Bereich von Beginn weg in professionelle Hände geben. Sie entschieden sich für die Agentur Starwing Sports des Engländers Lawrence Frankopan, der schon lange Stan Wawrinka managt und seit einigen Jahren auch Jannik Sinner. Der Italiener ist ein Paradebeispiel für gelungene Vermarktung, ist Botschafter für Topmarken wie Gucci, Rolex, Alfa Romeo oder Lavazza. Das Beziehungsnetz von Frankopan könnte für Bernet Gold wert sein, sollte er sich im Ranking nach vorne spielen. Zwei Verträge hat Starwing für ihn schon ausgehandelt: mit On und der Racketmarke Wilson.

Auffällig ist: Beide sind Firmen mit Bezug zu Federer. Bei Wilson hat Federer einen lebenslangen Vertrag und ist involviert in die Entwicklung neuer Schläger. Bernet würde sich bestimmt nicht dagegen wehren, mit weiteren Federer-Partnern zusammenzuarbeiten. Da gäbe es noch einige renommierte. On und Wilson sind schon einmal ein guter Anfang. Er sagt: „Diese Verträge entlasten meine Eltern, die bisher das meiste bezahlt hatten.“

Henry Bernet: „Ich träume, vom Tennis leben zu können”

Ein finanzieller Zustupf ist, obschon Bernet auch von Swiss Tennis unterstützt wird, denn auch nötig für die schwierige Phase des Übergangs von den Junioren zu den Profis. Diesen will Bernet nun in diesem Jahr angehen. Er will nur noch die größten Events bei den Junioren wie die Grand Slams spielen und sich vermehrt bei den Großen messen. Auch die Schule stellt er zugunsten seiner Tenniskarriere zurück.

2024 schnupperte er bereits Luft bei den Profis und schaffte es in Zug als erster Spieler des Jahrgangs 2007 in das Viertelfinale eines Challenger-Turniers. In der Qualifikation der Swiss Indoors schlug er im Oktober dann den früheren Top-10-Spieler Fabio Fognini. Bernet kostete jene Woche in vollen Zügen aus, bewegte sich in der Player’s Lounge inmitten der Stars und schaute sich auf dem Platz einiges von ihnen ab. Wie intensiv sie trainieren, oder wie sie auch an den Turnieren in die physische Arbeit investieren.

Und wovon träumt er? Wie einst der kleine Roger vom Wimbledonsieg? Er schmunzelt und sagt: „Ich träume davon, in die Top 100 zu kommen, vom Tennis zu leben und an den großen Turnieren mitspielen zu können.“ Er weiß: Um nach oben zu kommen, muss man Schritt für Schritt nehmen.

Junioren-Grand-Slam-Sieger aus der Schweiz

Henry Bernet

Henry Bernet ist der neunte Grand-Slam-Juniorensieger aus der Schweiz. ©Imago/Jürgen Hasenkopf

Heinz Günthardt (French Open 1976, Wimbledon 1976)
Martina Hingis (French Open 1993/1994, Wimbledon 1994)
Roger Federer (Wimbledon 1998)
Roman Valent (Wimbledon 2001)
Stan Wawrinka (French Open 2003)
Belinda Bencic (French Open 2013, Wimbledon 2013)
Rebeka Masarova (French Open 2016)
Dominic Stricker (French Open 2020)
Henry Bernet (Australian Open 2023)

Vita Henry Bernet

Der Basler, 18, wusste schon als kleiner Junge, dass er Profisportler werden möchte. Was er noch nicht wusste: ob im Fußball oder im Tennis. In beiden Sportarten eiferte er seinem drei Jahre älteren Bruder Louis nach. Die beiden haben auch noch eine jüngere Schwester, Amy. Als Henry mit zwölf mit dem Fußball aufhörte, war für ihn klar, dass er alles unternehmen wollte, um im Tennis erfolgreich zu werden. Seit 2022 trainiert er im nationalen Leistungszentrum in Biel. Im Oktober 2023 wurde er zusammen mit Flynn Thomas U-16-Europameister im Doppel, 2024 bestritt er in Roland Garros sein erstes Grand-Slam-Turnier bei den Junioren, 2025 gewann er die Australian Open. Er zählt weltweit zu den größten Talenten des Jahrgangs 2007.

Henry Bernet

Cooler Typ: Henry Bernet – hier 2024 in Roland Garros – ist auch locker im Umgang mit den Medien. ©Imago/Jürgen Hasenkopf